Nittenau. (adz) Im Deutschunterricht sind die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse des Regental-Gymnasiums Nittenau schon öfters aus Literatur unterschiedlichster Bereiche gestoßen.

Nun hatten die Gymnasiasten auch Gelegenheit einer Autorenlesung mit Tiefgang beizuwohnen. Die eingeladene Schriftstellerin Anja Tuckermann, die durch die Organisation der Fachschaftsleiterin für Deutsch, Jutta Karl, und den Deutschlehrern der Jahrgangsstufe nach Nittenau kam, erwies sich als ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der Schicksale Verfolgter während der NS-Zeit.

Peter Poth freut sich, dass die Autorin und freischaffende Journalistin aus Berlin für die Schüler nach Nittenau gekommen war. Die Autorin habe zahlreiche Geschichten von verfolgten Menschen niedergeschrieben und bildete so die Grundlage zur Auseinandersetzung über dieses Thema. Man freue sich, die renommierte Autorin am RTG begrüßen zu können, so Poth.

Aufmerksam wurde sie auf dieses Thema, so Anja Tuckermann, durch ein Berliner Erzählcafé. Dort erzählten besondere Menschen aus ihrem Leben. Einmal erzählte auch ein Sinto von seinen Erlebnissen als Verfolgter der NS-Zeit. So bekam sie auch Kontakt zu Hermann Höllenreiner, genannt Mano, dessen Lebensgeschichte sie dokumentierte und veröffentlichte. In ihrem Buch versucht sie, die Erlebnisse und Gefühle so realistisch wie möglich darzustellen. In diesem Zusammenhang wurde ihr der Begriff „Trauma“ so richtig deutlich. Heute, wie die Autorin einwarf, wird der Begriff für Kleinigkeiten verwendet. Doch mit ihrer Arbeit an den Biografien der Verfolgten, wurde ihr klar, dass das Wort Trauma mehr bedeutet: Sie berichtet davon, dass Geschädigte noch heute Alpträume haben und die Erinnerungen an diese Zeit nicht abschütteln können, selbst nach dieser langen Zeit.

Das Buch beginnt Ende April 1945, ein Stück nördlich von Berlin, als sieben Jungen nach ihrer Befreiung beieinander sitzen und nicht wissen, wie es für sie weiter gehen soll. Ihre Ausgangssituation war verheerend, so hatten die Jungen nach Jahren des Hungerleidens keine Energie mehr, um sich – trotz ihrer neu gewonnenen Freiheit – zu bewegen. Die Gruppe trennt sich, und Mano, der schwächste unter den Jungen, bleibt ohnmächtig zurück. Er wird von einem Pferdefuhrwerk aufgenommen, welches befreite französische Kriegsgefangene transportierte. Dort schärften ihn die Mitfahrer ein, niemals seine deutsche Herkunft zu offenbaren, Deutsch zu sprechen oder seinen Namen zu nennen. Dieses Verhalten behielt der traumatisierte Mano für sich bei – für die nächsten Jahre, die er in Frankreich bei wechselnden Familien verbrachte.

In dieser Zeit machte Mano neue Entdeckungen: Besonders die Natur hatte es ihm angetan. Dieser Frühling in Freiheit war sein erster Frühling. Unbekannte Farben erkannte er, während im Konzentrationslager alles grau in braun war. Auch die Dinge, die er im Konzentrationslager gelernt hatte, schnelles, gieriges Essen, um nicht zu verhungern, waren nicht mehr lebensnotwendig. Noch immer wusste niemand, wer er war, aus Angst, doch noch sterben zu müssen. Dies machte seine Identifizierung schwer, die Suche nach seinen Eltern in München konnte nicht anlaufen, da niemand wusste, wer Mano eigentlich war. Nach einigen Monaten in Frankreich offenbarte er seine Identität, und konnte so über einige Umwege wieder zu seiner Familie zurückkehren.

Nach diesem Einblick hatten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen.

Jutta Karl bedankte sich als Verantwortliche für die vielen Informationen. Sie fand es erstaunlich, dass ein Mensch mit einer solchen Last ohne professionelle Hilfe, wie sie es heute gibt, umgehen kann.

 

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Mit Anja Tuckermann wurde eine bekannte Schriftstellerin ans RTG eingeladen, die sich mit den Schicksalen verfolgter Menschen während der NS-Zeit auskennt.