Auf den Spuren der Peiniger

Auf den Spuren der Peiniger von der SS

Samuel Reinstein, 1945 von der US-Armee befreit, berichtete am Regental-Gymnasium von seiner Odyssee durch europäische KZ.

 

Samuel Reinstein wurde im Nittenauer Rathaus von Bürgermeister Karl Bley empfangen.

Von Karina Schwaiger

Samuel Reinstein ist einer der Überlebenden des Holocausts und des Todesmarsches, den kurz vor Kriegsende die Insassen des KZ Flossenbürg unter grausamen Bedingungen auf sich nehmen mussten. Genau vor 70 Jahren wurde er zusammen mit seinem Bruder Maier Reinstein von den anrückenden Amerikanern in der Nähe von Stamsried befreit. Lange Zeit konnte und wollte er über das Erlebte nicht sprechen. „Ich habe ja keine guten Sachen zu erzählen gehabt“, erklärte er im verständlichen Deutsch. Reinstein wirkt mit seinen annähernd 85 Jahren körperlich und geistig noch sehr agil. Sein schweres Schicksal hat ihn nicht brechen können und heute kann er davon in einer eher lockeren Art und Weise erzählen, gelegentlich auch schalkhaft.

Peter Poth, Lehrer am Regental-Gymnasium in Nittenau, steht unter anderem mit der Regensburger Stolpersteingruppe in Kontakt und ist auch sonst recht engagiert in dem Bereich. Er hat Samuel Reinstein eingeladen, Schülerinnen und Schülern seine Geschichte zu erzählen. Vorab stand ein Empfang beim Stadtoberhaupt im Rathaus auf dem Programm, der den „Botschafter der Erinnerungen“, wie ihn Karl Bley nannte, herzlich willkommen hieß. Es sei wichtig, dass solch schreckliche Zeiten nicht in Vergessenheit gerieten, betonte Bley. In diesem Zusammenhang seien auch die Projekte gegen das Vergessen in Nittenau wichtig. Er nannte die Arbeit des Museums als Beispiel oder auch das Engagement des Regentalgymnasiums.

Im Musiksaal des Regental-Gymnasiums erzählte Reinstein den Schülerinnen und Schülern ausführlich über die verschiedenen Etappen seines Lebens. Geboren wurde er 1931 als Jüngster von insgesamt acht Geschwistern einer jüdischen Familie in Strzmieszyce in Polen. Sein Vater, ein Schlosser, starb früh, die Familie hielt sich mit dem Verkauf von Butter und Eiern über Wasser. „Bis dahin war’s ganz okay“, meinte Reinstein.

Und dann ging es los. 1941 durften jüdische Kinder keine polnischen Schulen mehr besuchen, er lernte zu Hause. Bald wurden auch die jüdischen Geschäfte geschlossen, die Juden wurden im Getto zusammengepfercht und die polnische Bevölkerung machte es sich in den verlassenen Häusern der Juden bequem. Es wurde schlimmer und schlimmer, immer mehr Schikanen hätten sich die Nazis einfallen lassen, erzählte Samuel Reinstein. Jede Nacht wurden ganze Familien aus dem Getto geholt und in Lager deportiert – die Stadt sollte „judenrein“ werden. Die Verbliebenen wurden schließlich selektiert und verschleppt. Samuel, damals zwölf Jahre alt, machte sich fünf Jahre älter, um bei seinem Bruder bleiben zu können.

Mit dem Zug wurden sie nach Blechhammer, einer Außenstelle des KZ Auschwitz, deportiert. Dort waren sie nur noch als Nummer existent und mussten schwer arbeiten – Samuel im Straßenbau. Zu gewalttätigen Übergriffen seitens der Bewacher kam es immer wieder und nur durch geschickte Rationierung der Lebensmittelzuteilung (Gras- und Spinatsuppe und 200 Gramm Brot pro Tag) konnten Samuel und sein Bruder überleben. Nach zwei Jahren etwa mussten sie im Winter nur mit Holzschuhen und ohne Strümpfe ins 270 Kilometer entfernte KZ Groß-Rosen marschieren, dann weiter ins KZ Buchenwald und schließlich ins 400 Kilometer entfernte Flossenbürg. Viele schafften die Strapazen nicht, wer nicht mehr konnte, wurde erschossen. Von Flossenbürg aus wurden die Unglücklichen kurz vor Kriegsende in Richtung Regensburg weitergetrieben. Die Brüder waren am Ende ihrer Kräfte. Maier wurde krank, Samuel drängte seinen Bruder immer wieder, nicht aufzugeben und er versuchte, Essen zu organisieren. Schließlich wurden sie am 23. April 1945 von den amerikanischen Streitkräften befreit. Maier Reinstein, damals schon an Typhus erkrankt, wurde in ein Lazarett in Neunburg gebracht, wohin ihm Samuel zu Fuß folgte, endlich auch fand und bis zu seiner Gesundung für ihn sorgte.

Zusammen kamen die Brüder in das Kloster Indersdorf und waren zur Auswanderung nach England vorgesehen. Durch Zufall erfuhren sie dann vom Überleben ihrer Schwestern Jadzia und Laia, die jedoch die Altersgrenze für die Auswanderung schon überschritten hatten, und so blieben die vier Geschwister zusammen einstweilen in Indersdorf, bis sie endlich nach einigen Irrfahrten nach Israel gelangten. Heute bilden die Reinsteins in Israel eine große Familie. Samuel Reinstein hat drei Töchter und eine stattliche Zahl von Enkeln und Urenkeln. Er versucht alle relevanten Orte auf seinem damaligen Todesmarsch wieder zu besuchen und hat auch nach langem Suchen seinen barmherzigen Engel, die damals Sekretärin eines amerikanischen Offiziers war, wiedergefunden: in South Carolina.

Die Frau hatte den Jugendlichen nach der Befreiung unter ihre Fittiche genommen und ihn mit allem Nötigen versorgt, unter anderem mit einer amerikanischen Uniform – „und sogar mit Streifen“, wie Reinstein heute noch begeistert erzählt – und, ganz wichtig: mit einem Kantinenticket. Denn Essen ordern hatte immer oberste Priorität in dieser schweren Zeit. Davon hing ab, ob man den Wahnsinn überlebte.

Bild und Text erscheinen in der MZ am 24.04.2015