Afrika

„Jambo, Mzungu!“ - Schüler des RTG auf Erlebnisfahrt mit Abenteuerfaktor

„Selbst bei meinem dritten Aufenthalt bin ich wieder aus Neue von der vielschichtigen Kultur und vor allem von der Offenheit der Menschen überrascht worden. So bin ich sehr dankbar für diese völlig neuen Erfahrungen, denn bei dieser Reise hatten wir die einmalige Gelegenheit, tiefe Einblicke in den Lebensalltag der haupsächlich armen Bevölkerung zu erhalten.“ Soweit Laura Wagner, Schülerin der Q11 des Regental-Gymnasiums.


Zunächst jedoch einige Informationen zur Vorgeschichte und den Hintergründen dieser Afrika-Reise.

Bereits im Jahr 2002 besuchte Michael Mwase, Gründer und Leiter des Rainbow-House of Hope/Uganda das RTG. Seitdem unterstützt die Schule nach Kräften sein Kinderprojekt in den Slums von Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die Verbindung, mehr noch, diese Freundschaft, nahm ihren Ausgang mit einer Big Band Reise im Jahr 2002, auch die letzten beiden Konzertreisen der unternehmungslustigen Band  2012 und 2014 führten in das gastfreundliche Land.

Im Schuljahr 2015/2016 bot die Big-Band-Leiterin, Barbara Vielberth-Baer, erstmals im Rahmen eines Projekt-Seminars der Oberstufe die Gelegenheit, unter dem Titel „Rainbow House of Hope/Uganda - eine Lebenshilfe für Straßenkinder in Kampala“, sich vor Ort persönlich über die Organisation, ihre Aktivitäten, Angebote, Hintergründe undLebensumstände in den Slums zu informieren. 17 Schülerinnen und Schüler nutzten diese Chance, vom 3.- 14. Februar, um so viel Informationen wie möglich aus erster Hand zu erhalten und in Bild und Film nach Hause zu bringen. Über die abschließende Präsentation an einem „RHU-Tag“ im RRTG  werden wir frühzeitig informieren!

Das Abenteuer Uganda begann am 4.Februar frühmorgens am Flughafen Entebbe, wo Mike Mwase bereits auf die 20-köpfige Gruppe wartete und zum „Basislager“, der Jugendherberge „Red Chillie Hideaway“ am Stadtrand Kampalas brachte. Schon allein die tägliche ein- eineinhalb stündige von dort zum RHU war immer eine gute Gelegenheit, das normale afrikanische Leben am Straßenrand zu beobachten: spielende Kinder, kochende Frauen, Handwerker bei der Arbeit, Straßenverkäufer, das tiefenentspannte Verhältnis zur Zeit…


Im RHU lernten die jungen Leute in den kommenden Tagen den Tagesablauf, aber auch alle Aktivitäten kennen wie Tanzen, Trommeln oder Brass Band und  konnten selbst an Spielen wie Fußball und Volleyball teilnehmen. Besonders die Lebensgeschichten einzelner junger Ugander führte die Notwendigkeit einer Institution wie dem RHU besonders deutlich vor Augen: RHU und Mike – das ist Familie! Und diese Familie ist nicht nur da, sondern übernimmt auch Verantwortung:

sie klärt auf, informiert in Gesundheitsfragen (durchaus auch in intimen Bereichen), unterstützt nach Kräften die Schulbildung, fördert verschiedene praktische Fähigkeiten in der eigenen kleinen Schneiderei, Schreinerei und gibt Anleitungen für Hühnerhaltung (mit eigenen 130 Hühnern!) und für die Aufzucht von Gemüsepflanzen. Lernen für das Leben bedeutet außer Schulbildung auch, alle Fähigkeiten zu fördern und zu entwickeln, durch die später der eigene Lebensunterhalt gesichert werden kann. Besonders liegt Mike Mwase am Herzen, etwas Glück und Freude in das harte Leben der Kinder zu zaubern, jedes Kinderlachen ist für ihn Motivation, mit aller Kraft weiter zu machen. Unterstützung erhält er dabei von engagierten ehrenamtlichen Mitarbeitern, unter ihnen auch ehemalige RHU-Kinder, die sich einige Stunden pro Woche einbringen und so selbst wieder etwas an andere Kinder weitergeben können.


 Die Zukunftsprobleme wurden gleich am ersten Tag offenbar: die Stadt Kampala hat es sich zur Aufgabe gemacht, bestimmte Viertel von den Slums zu „säubern“, um wertvollen Grund und Boden an Geschäftsleute oder wohlhabende Bewohner verkaufen oder verpachten zu können. So manche Teile des RHU-Einzugsgebietes sind schon entvölkert und neue Bauten sind bereits sichtbar, so dass ein baldiger Umzug notwendig ist. Zunächst muss ein passendes und bezahlbares Grundstück am Stadtrand Kampalas gefunden und gekauft werden, wofür sich das RTG besonders rüstet:

Pater-Hansen-Tag, Fußball-Turnier der 6.Klassen, Benefizlauf eines anderen P-Seminars in Kombination mit dem RHU-Tag, an dem auch afrikanisches Essen und Souvenirs verkauft werden. 


Für die Schüler war natürlich nicht nur die harte Seite des Lebens vorgesehen, auch die besonderen Schönheiten des Landes durften nicht zu kurz kommen: der Mabira Forest, die Nilquelle, die grandiosen Itanda Fälle des Nil, und im Nordosten des Landes ließ der wunderschöne Murchison Nationalpark nichts mehr zu wünschen übrig. Während einer dreistündigen idyllischen Bootsfahrt auf dem Nil konnten Nilpferd, Elefanten, Büffel, Krokodile, eine Giraffe und eine Vielzahl von großen und kleinen kunterbunten Vögeln beobachtet werden. Während einer morgendlichen Safari zogen zudem unter anderem Antilopen, Gazellen, Warzenschweine und auch eine Tüpfelhyäne am Bus vorbei. Nach einem Stopp am berühmten Wasserfall des Parks mitten im Löwengebiet, blieb der Bus mit einer Panne liegen. Während der nächsten fünf Stunden war es ziemlich ungewiss, ob der nächtliche Heimflug vom Flughafen Entebbe noch im Bereich des Möglichen sei! Aber irgendwie geht es immer weiter. Das ist Afrika!

Text und Bilder: Barbara Vielberth-Baer

 

Die AAG-RTG-Big-Band-Connection 2014 auf Konzertreise in Uganda

von Barbara Vielberth-Baer

 

Falls sich für Teilnehmer der Uganda-Reise 2012 der Gedanke aufgedrängt haben sollte „Uganda, da war ich schon, hab' ich schon gesehen.“, sollten sie sich schwer getäuscht haben; dieses vielfältige Land mit seinen unterschiedlichen Kulturen hat noch viel Neues und Aufregendes zu bieten. Speziell für das RTG fügte sich diese Unternehmung zudem besonders in das Konzept der Schule ein, da ihr mit Wirkung vom 01. Januar diesen Jahres vorerst auf bayrischer Ebene das Prädikat „UNESCOProjektschule im interessierten Status“ verliehen worden ist.

Mike Mwase, unser ugandischer Freund vom „Rainbow House of Hope“ (RHU), übertraf mit seiner Tour-Planung alle Erwartungen und gewann zu den elf „Wiederholungstätern“ locker 20 neue Afrika-Fans hinzu. Die „Afrika-Band“, die sich – erfreulicherweise wieder finanziell großzügig unterstützt von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt – auf den Weg machte, war im Durchschnitt so jung wie noch nie, jedoch leistungs- und begeisterungsfähig, hoch motiviert und zäh; Letzteres bei dem nicht zu unterschätzenden Stressfaktor durchaus von besonderer Bedeutung.

 

Donnerstag/Freitag, der 10./11. April: Nach langer Anfahrt von einer Metropole zur anderen – Ramspau, Regensburg, München, Dubai, Entebbe, Kampala – wurde im neu gebauten „Red Chilli Hide Away“ am Stadtrand Kampalas eingecheckt, und nicht nur die Zimmer, sondern auch Pool und Beach-Volleyball- Platz waren bald in bayerischer Hand. Afrika nahm uns alle sofort gefangen, im Blick der Lake Victoria, üppige Vegetation, Eisvögel in Papyrus- Niederungen, im Ohr die Rufe weißer und schwarzer Ibisse, Zikaden, nächtliches Donnergrollen und das Rauschen sintflutartigen Regens.

 

Samstag, der 12. April:

Dieser Tag war zunächst ganz für das RHU reserviert. Bei „gefährlich“ schönem Wetter schlossen sich einige von uns den Vorbereitungen des afrikanischen Lunchs an, andere zogen gemeinsames Fußballspiel mit RHU-Kindern vor, während sich die übrigen von Timothy durch die umliegenden Slums führen ließen. Diese Gebiete sind nicht nur die Heimat vieler RHU-Kinder, sondern auch Zufluchtsort für Flüchtlinge aus verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten wie z.B. aus dem Kongo. Kleine ärmliche Hütten bieten Raum für eine ganze Großfamilie, freie Flächen werden gemeinsam für das soziale Miteinander genutzt, unterbrochen durch schmutzige Wasserläufe und Bananenstauden, aber auch mal durch eine Ziegelei, Freilandduschen oder Mangobäume. Der Klimawandel wird auch hier schmerzlich empfunden, wie am Beispiel einer Wasserstelle deutlich zu sehen ist: statt eines starken Wasserschwalls läuft lediglich ein spärliches Rinnsal in den bereitgestellten Kanister. In der RHUeigenen Schneiderei, von jungen Mädchen an alten mechanischen Nähmaschinen betrieben, wurden noch in aller Eile Maße für so manche Hosen und Röcke genommen, die eine Woche später von ihren stolzen Besitzern aus der Big Band in Empfang genommen werden konnten. Nach diesem familiären Willkommen im RHU begaben wir uns auf deutsches Terrain. Im schönen Garten des Goethe-Instituts begrüßte uns Kathi Neidhardt, die Kultur-Koordinatorin, ganz herzlich. Der folgenden Veranstaltung hatte sich auch die Deutsche Botschaft mit angeschlossen und eine Pressekonferenz für örtliche Zeitungen und Fernsehen sowie das Catering organisiert. Für Mike und seinen Kompagnon Geoffrey vom RHU war diese Plattform besonders wertvoll. Ihr nunmehr zwölfjähriger erfolgreicher Einsatz für die Bildung und Förderung praktischer Fähigkeiten von armen Kindern und Jugendlichen wie auch die Synergien unserer musikalischen und menschlichen Zusammenarbeit rückten dabei in den Fokus der deutschen Vertretungen in Kampala, was ihnen u.U. durchaus von Vorteil sein kann. In Anwesenheit des geschäftsführenden deutschen Botschafters und geladener Gäste wechselte sich unsere Big Band in musikalischen Darbietungen mit der Tanz- und Trommelgruppe des RHU ab, und beide spannten somit gemeinsam einen musikalischen Bogen von Bayern bis Uganda.

 

Palmsonntag, der 13. April:

Viele christliche Kirchenbesucher mit Palmwedeln waren in den Straßen Kampalas unterwegs, als wir zum Workshop auf dem RHU-Gelände fuhren, wo uns bereits die „Entebbe Brass Band“ und die Brass Band des RHU erwarteten. In passenden „Stimmungsgruppen“, auch mal Alt- Saxophon mit Es-Horn, erarbeiteten wir gemeinsam zunächst „Final Countdown“ sowie ein typisch afrikanisches Brass-Band-Stück, das ugandische Melodik mit „kolonialem“ Blechsound verbindet und mit seinen verschiedenen Patterns auch ohne Notenmaterial gut ins Ohr ging. Zu Fuß ging es anschließend mit der gesamten Ausrüstung auf das nahe gelegene Areal der Kirchengemeinde, wo sich dem langen Gottesdienst im Freien nahtlos nun das nachmittägliche Unterhaltungsprogramm anschloss, durch das ein junger Geistlicher mit Entertainer-Qualitäten führte. Endlich in vollständiger Besetzung, unser verspätet eingeflogener erster Trompeter Leo war nun auch glücklich angekommen, wechselten wir mit der RHU-Tanzgruppe, den einzelnen Bands sowie (mit den gemeinsam erarbeiteten Stücken) der Gesamtheit der Bands ab, begleitet von akrobatischen Einlagen: einer Mischung, wie sie in Afrika bei Unterhaltungsprogrammen unbedingt erwartet wird. Wir fangen schon mal an, Purzelbäume zu üben, um beim nächsten Mal mithalten zu können …

 

Montag, der 14. April: Früh am Morgen brachen wir auf, zunächst wieder durch das chaotische Kampala mit all seinen Slums, verstopften Straßen, Dächern voller Marabus – der fliegenden Müllabfuhr – und hinaus auf die Straße in Richtung Kenia. Der Weg führte vorbei an Teeplantagen, Kaffeepflanzungen und durch ein Stück ursprünglichen Regenwald, dessen Abholzung und Nutzung für Zuckerrohr sich die ugandische Bevölkerung mit Erfolg widersetzt hat. In Jinja ging es über den Nil und weg von der Hauptstraße durch ländliche Gegend bis zu den malerisch gelegenen „Itanda Falls“ des Nil, einem wunderschönen, einsamen und unberührten Stück Natur. Ein Trampelpfad führte uns hinunter bis zum Ufer, ganz nahe an die wild schäumenden Wassermassen, in die sich zwei wagemutige einheimische Schwimmer stürzten, um damit etwas Geld zu verdienen. Vergleichbare Stromschnellen wie die Bujagali Falls sind leider der Energieversorgung zum Opfer gefallen. Wieder zurück auf der Hauptstraße ging es in Richtung Nordosten nach Iganga, ab jetzt auch für diejenigen unter uns, die bereits zum zweiten, vierten oder fünften Mal in Uganda waren, „terra incognita“. In den Slums dieser Kleinstadt wartete bereits eine Schul-Brass-Band auf uns, die unter der Leitung eines studierten Musikers auch ihrerseits mit Notenmaterial für uns ausgestattet war. Unter neugierigen Blicken und Ohren der Anwohner und vor allem der Kinder einer benachbarten Schule, übten wir gemeinsam „Tequila“ sowie einen afrikanischen Popsong ein, und machten uns anschließend unter Lachen, Kreischen, Winken und herzzerreißendem Weinen – Leo hatte es einem kleinen Mädchen besonders angetan und sein Herz gebrochen – auf in Richtung Mbale. Nach ungefähr 60 bis 70 km strandete unser kleinerer Versorgungsbus (Koffer, Instrumente, Altenfraktion von Studenten bis „Altlasten“) mit gerissenem Kühlschlauch am Straßenrand. Der große Jugendbus (nicht einmal Teddy und ich konnten hier den Altersdurchschnitt wesentlich heben) hielt einige Zeit später dahinter. Als noch unklar war, wie es weitergehen sollte, kam aus den Reihen der Jugend der Vorschlag: „Wir könnten doch hier einfach spielen“. Die Anwohner umliegender Gehöfte waren sowieso schon zusammengelaufen und beobachteten interessiert die ungewohnte Ansammlung von „Bazungu“. Gesagt, getan, aufgebaut war schnell, die Auswahl der Stücke für afrikanischen Geschmack klar – laut, rhythmisch, schnell. Die Augen der Kinder strahlten, in den Gesichtern der Erwachsenen waren zunächst Befremden, dann aber Freude und Interesse zu lesen, schrille Rufe signalisierten Begeisterung – nach der Musik herrschte jedoch absolute Stille. Das kann eben passieren, wenn man für Menschen ein „Konzert“ gibt, in deren Sprache kein Wort für diese Art Veranstaltung existiert … Zur selben Zeit versuchte der Fahrer von Bus 1, sein Gefährt zu reparieren und entdeckte, zusammen mit Mike am Boden liegend, zu seiner großen Überraschung neben Ersatzrad und Auspuff ein ca. 10-jähriges Kind, das sich im Gestänge unter dem Bus festgeklammert hielt. Mike bemühte sich um den Buben, der seit Iganga als blinder Passagier mit an Bord (oder besser „unter Bord“) gewesen war. Ohne Eltern, auch bei den Großeltern in erster Linie auf sich allein gestellt, hatte er beschlossen, die Chance zu ergreifen und sich der lustigen Muzungu-Gruppe anzuschließen. Der defekte Bus musste schließlich und endlich zurückbleiben und auf Ersatzteile warten, alle Koffer und Instrumente wurden, wie auch immer, in Bus 2 umgepackt, und weiter ging es nach Mbale. Unser kleiner „Schwarzfahrer“ wurde von Mike unterwegs unter jämmerlichem Weinen in einer Polizeistation abgegeben, um einen sicheren Heimtransport zu garantieren. Mittels Adresse von Kind und Polizei möchte er jedoch in nächster Zeit versuchen, den Buben ins RHU zu bringen, um ihm eine bessere Perspektive für die Zukunft zu ermöglichen.

 

Dienstag, der 15. April: In Mbale war am nächsten Vormittag zunächst etwas Sightseeing angesagt, immerhin liegt die Stadt in einer fruchtbaren Ebene, den Ausläufern des Mount Elgon vorgelagert, bizarr geformten Bergen, mit üppigem Grün bewaldet, von langen schmalen Wasserfällen unterbrochen. Ein ortskundiger Begleiter dirigierte unseren Busfahrer in Windungen immer höher und höher, zu Fuß gingen wir noch eine kurze Strecke auf der Straße weiter. Bald jedoch führte uns ein schmaler, teils steiniger, teils glitschiger Trampelpfad durch Bananen-und Bohnenfelder, zwang uns barfuß durch Bäche bis hin zum Fuß eines dieser malerischen Wasserfälle, der in mehreren Stufen von hoch oben bis zu uns abfiel. Dieser Pfad war durchaus mit Vorsicht zu bewältigen und gab auch durchaus einem Flip-Flop den Todesstoß – viele gingen auch einfach barfuß ¬ das Schlimmste waren am Ende aber nur unglaublich schmutzige Füße. Und schon wartete auf uns nach kurzer Weiterfahrt ein musikalischer Leckerbissen in Form der „Mbale Schools Band“, durch Abschlussprüfungen ausgedünnt, aber immer noch eine 70-köpfige Brassband von erstaunlicher musikalischer Qualität! Nach Aussage ihres britischen „Musical Director“ Philip Monk die beste Brass Band Ostafrikas, womit er sicherlich nicht übertrieben hat. Gleich zu Beginn unseres musikalischen Austauschs wurden wir mit dem Deutschlandlied begrüßt und waren sofort vom unglaublichen Sound, der Technik und des Ansatzes der Buben und Mädchen schwer beeindruckt. Wie uns Philip erklärte, fände ein reines Bandkonzert in Afrika kein Publikum, die Zuhörer würden einfach irgendwann gehen, deshalb stellten seine jungen Leute ihre Vielseitigkeit in Singen, Tanzen und Akrobatik unter Beweis. Was konnten wir dagegen halten? Laut Philip waren wir die erste europäische Big Band im Ort, man hatte hier noch nie so viele Weiße auf einmal gesehen – und wir hatten Flöten, Klarinetten und Saxophone! Also setzten wir, nach Abspielen der ugandischen Hymne durch uns – was zunächst für Verblüffung sorgte, die nach einigen Takten in begeisterten Jubel mündete – speziell auf Stücke, die unsere Holzbläser besonders gut zur Geltung brachten. Nach dem ersten musikalischen „Beschnuppern“ mischten sich die 27 Big-Bandler unter die 70 Brass-Bandler, mit separatem „Holzblock“ in der Mitte, und dann spielten wir einfach, mit nur wenigen Übungsphasen, alle für Workshops vorgesehenen Stücke, d.h. neben Stücken der ugandischen Band „Final Countdown“, „Tequila“ und sogar „Apache“. Ein einmaliges Erlebnis, vor allem für unsere Hörnchen und Posaunen, in ganzen Riegen von tiefem Blech geradezu eingebettet zu sein. Bis zum für 16 Uhr anberaumten Konzert konnten wir noch eine kleine Lunchpause mit Brot und Bananen unterbringen, es blieb aber auch etwas Zeit, sich auszutauschen und vereinzelt miteinander zu spielen. Außer einem politischen Vertreter der Stadt Mbale kamen leider nicht allzu viele Besucher, was der gemeinsamen Musizierfreude aber keinerlei Abbruch tat. Den Abschluss des fulminanten Nachmittags bildeten traditionelle Tänze des hiesigen Stammes mit Gesang und Trommeln. Tja, und nach dem Abendessen wurde gebunkert, immerhin ging es am nächsten Morgen in die äußerste Nordostecke Ugandas ins Kidepo Valley, äußerst nahe der Grenzen zu Kenia und dem Sudan. Mike hatte zwar telefonisch bei seinem Kontaktmann im Apoka Rest Camp Abendessen bestellen können (Reis, Kartoffeln, Bohnen, Krautgemüse), aber laut Internetauskunft und Reiseführer war Selbstversorgung angesagt. Wir sorgten also mit Brot, Marmelade, Bananen, Ananas, Maracujas und Unmengen an 5-Liter- Kanistern mit Trinkwasser vor.

 

Mittwoch, der 16. April (Lauras 17.Geburtstag):

Laut Informationen im Internet gibt es keine „richtige“ Straße nach Norden – und genau auf der waren wir unterwegs. Laut Reiseführer fliegen Touristen im Sportflugzeug von Kampala in zwei Stunden ins Kidepo Valley („Fassung für Weicheier“), wir waren mit unseren zwei Allradbussen ab Mbale in der „Hard Core-Fassung“ für die nächsten 13 Stunden im Bus unterwegs, bis ans gefühlte Ende der Welt, auf jeden Fall der ugandischen Welt. Nach einem anfänglichen kleinen Teil Teerstraße begann bald die Staubpiste mit mehr oder weniger großen Löchern (Frostaufbrüche?), vorbei an fruchtbaren Reisfeldern, Seenlandschaften mit blauen Seerosen, übergehend in semiaride Steppen mit ausladenden Schirmakazien (Dornen – Smiley für Eingeweihte!) und bizarren Bergketten am Horizont. Kurz hinter Mbale begann auch bereits das ehemalige Rebellengebiet von Joseph Kony, dessen Terroristen hier allerdings von den selbsternannten „Arrowboys“ zurückgedrängt werden konnten, in Verteidigung ihrer Viehherden mit Pfeil und Bogen. Für uns zeigte sich ab jetzt ursprünglichstes Afrika, was mancher in Deutschland, der das nicht gesehen hat, vielleicht als „Klischee“ abtun würde: Frauen mit Tonkrügen auf dem Kopf (statt Plastikkanistern), Dörfer mit grasbedeckten Rundhütten, auch mit geflochtenen Zäunen umschlossen, der kleine Durchlass lediglich mit Akaziengestrüpp gesichert, ganz selten ein Auto, die Einheimischen zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Gegen Nachmittag erreichten wir die sogenannte „Karamoja“, die ursprünglichste Kultur Ostafrikas, mit ihren Hirten- und Nomadenvölkern und sogar Jägern und Sammlern, den Karimojong. Die Hirten, Buben oder Männer, lange schlanke Gestalten, mit eigenartigen Kappen oder Hüten, großen Ohrringen, ein Tuch über einer Schulter verknotet (durchaus auch als einziges Kleidungsstück getragen), mit langen Hirtenstäben in der Hand, boten ein Bild wie aus anderen Zeiten und Welten. Im Vorbeifahren war sogar zu sehen, wie ein Junge am Blut seiner Kuh, in Ermangelung von Wasser, seinen Durst stillte (kein „Hirngespinst“, sondern von Mike bestätigt und erklärt). Bei einem kurzen Stopp in einem Dorf wurden andererseits wir angestarrt, mit lächelnden, ungläubigen Gesichtern, wie Wesen von einem anderen Stern. Bei Dunkelheit erreichten wir gegen 20 Uhr das Camp, bezogen unsere Rundhütten, genossen unser Abendessen – Lunch hatte immerhin viele Stunden vorher nur aus Weißbrot und Wasser bestanden – und ließen den Abend stilvoll am offenen Feuer, mit Geräuschen der Wildnis im Ohr, ausklingen.

 

Donnerstag, der 17. April:

Als ich am frühen Morgen die Tür öffnete, bot sich ein zauberhafter Blick über das weite, zartgrüne Tal, von bläulichen Bergketten begrenzt, durch den Bewuchs mit einzelnen Palmen und „Leberwurstbäumen“ leicht gesprenkelt, und im sanften Morgenlicht grasten auf der Wiese neben unseren Hütten Apoka-Wasserböcke und Familie Warzenschwein. Bereichert wurde die örtliche Fauna alsbald durch unsere Jüngsten: Lorenz, Julian und Benedikt näherten sich vorsichtig, wie immer mit strahlenden Gesichtern. Nach dem Frühstück gingen wir in Begleitung eines Rangers auf unsere erste Safari. Trotz einsetzender Hitze konnten wir schon Elefanten, die Silhouetten von Giraffen in der Ferne, Antilopen, Gazellen und Büffel beobachten, Zebras kamen sogar während der Mittagszeit zu einer Wasserstelle in unserem Camp. Nach unserer „Fütterung unserer Raubtiere“ mit Brot, Ananas, Maracujas und Wasser fuhren wir in ein Karimojong-Dorf außerhalb des Parks, dessen gesamte Gemeinde aus ungefähr 1.500 Einwohnern besteht, wie uns der „Ortsvorsteher“ erklärte. Vor einer malerischen Bergkulisse lagen Dörfer in sanften Hügeln eingebettet, und noch, bevor wir für unser Standkonzert aufbauen konnten, wurde für uns zur Begrüßung getanzt: ohne Trommeln oder irgend welche anderen Instrumente, es wurde lediglich, archaisch anmutend, mit nackten Füßen auf den Boden gestampft und dazu laut, hoch und kehlig gesungen. Und schließlich fingen die jungen Mädchen und Männer innerhalb des Kreises hoch zu springen an. Wie uns später erklärt wurde, bemühen die Mädchen sich, besonders hoch und kraftvoll zu springen, da sich die Männer dabei eine einsatzfreudige und starke Frau auswählen. Die Mädchen können sich dieser Wahl nicht widersetzen, nur die Eltern haben ein Vetorecht. Der Mann wiederum kann nur heiraten, wenn er Kühe besitzt: Andere Länder, andere Sitten … Unser „Dorfkonzert“ begannen wir mit den „Oberkrainern“, die sich, mit Pfiffen und Juchzern wirkungsvoll untermalt, gut als Klänge unserer Heimat anbieten. Echte bayerische Volksmusik stößt erfahrungsgemäß an solchen Orten an ihre Grenzen und wird wirkungslos und befremdet aufgenommen. Die Zuschauer genossen fröhlich und aufgeschlossen das für sie mit Sicherheit erste Muzungu-Konzert ihres Lebens, und obwohl das normale Leben dort immer noch traditionell abläuft, filmten einige Männer unser Konzert mit Handys: Ja, Handys sind bei aller Schlichtheit des Lebens Standard, entsprechende Funkmasten findet man in der verlassensten Einöde. Nach diesen ungewöhnlichen Einblicken in Leben und Kultur eines Nomadenvolkes, setzte eine abendliche Safari noch einen stilvollen Schlusspunkt. Ein seltener abessinischer Hornvogel, der riesig anzusehen durch das hohe Steppengras stolzierte, Schopfadler und Büffel zeigten sich, aber ganz besonders begeisterten uns die Elefanten, die in Herden von an die 40 Exemplare und mehr im milden Abendlicht ausgiebig beobachtet werden konnten.

 

Freitag, der 18. April (Lorenz' 12. Geburtstag):

Leider mussten wir schon früh abreisen und bogen außerhalb des Parks in Richtung Südwesten nach Kitgum ab. Es ging über rote Sandpisten, durch schöne Berge und grüne Felder unter blauem Himmel zunächst durch Ackerland, auf dem Männer, Frauen und Kinder mit einfachen Hacken an der Arbeit waren, für ein freundliches Lächeln und Winken aber gerne ein paar Sekunden innehielten. Kurz vor Gulu ging es in Richtung Norden durch Plantagen bis zum Dorf Awach, das wir vor zwei Jahren nur kurz vor einbrechender Dunkelheit besucht hatten. Diesmal waren wir zu früh dort, es war schließlich Karfreitag und die gläubigen Dorfbewohner besuchten die Karfreitags- Andacht. Aber es war Zeit, sich die Besonderheit des Ortes bewusst zu machen: Auf einem nahe gelegenen Hügel hatten Konys Rebellen ein Lager errichtet. Diese sind in ihrer Raserei von damals auch heute noch, sechs bis sieben Jahre später, für die Traumatisierung und mentalen Probleme der Dorfbewohner verantwortlich zu machen. Die Schäden an der Kirche durch die Einschüsse der Maschinengewehre waren mit der Renovierung sicher leichter zu beheben als die seelischen Verletzungen. Nach der Andacht brachten Männer und Frauen die Kirchbänke ins Freie und sahen uns erwartungsvoll zu, als wir unter einem großen Mangobaum trotz gefährlich nahen Gewitters aufbauten. Vor zwei Jahren hatte die Dunkelheit unser Konzert beendet, diesmal ließen wir uns nicht einmal von Sturmböen abhalten, auch wenn so manche Klarinettistin beinahe herabfallenden Mangos zum Opfer gefallen wäre. Als plötzlich zwei ältere Frauen mit scharfem Blick und eigenartigen Bewegungen auf uns zukamen, musste man unseren Gesichtern die absonderlichsten Vermutungen angesehen haben: „Witchcraft“ (Zauberei) ist immerhin noch sehr lebendig. Mike klärte uns jedenfalls lachend sofort darüber auf, dass es sich hierbei um ein traditionelles Begrüßungszeremoniell handelte. Der Geistliche, der seiner Gemeinde auch in den schwersten Zeiten zur Seite gestanden und ihnen Halt gegeben hatte, bat uns, wenn möglich, um Unterstützung (in welcher Form auch immer), um den besonders leidenden Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Als noch bekannt wurde, dass unser Jüngster heute seinen 12. Geburtstag hat, kannte die Begeisterung keine Grenzen, die Frauen nahmen ihn liebevoll in ihre Mitte und sangen für ihn „Happy Birthday“!

 

Samstag, der 19. April (Moritz' 16. Geburtstag):

Nun ging es von Gulu aus schon zurück in Richtung Kampala. Südlich der Karuma Falls des Nil zogen Paviane am Straßenrand als kleine Attraktion die Aufmerksamkeit auf sich, während südlich des Nil bald zu erkennen war, dass wir uns aus dem ehemaligen Rebellengebiet entfernten und langsam in Gebiete kamen, die seit Längerem von kriegerischen Aktivitäten verschont waren, u.a. am Lebensstandard in puncto Autos, Motorräder und Häuser. Während der Lunchpause bei Masindi standen alle an für Ananas und Bananenbrote, freuten sich aber auch über das Angebot an Fleischspießen, die man bei Händlern am Straßenrand kaufen konnte. Bei einem Obstmarkt konnten wir uns noch mit wunderbaren Ananas und Mangos für zu Hause eindecken, große Freude bereitete jedoch der Besuch des Handwerkermarktes im Zentrum von Kampala, wo jeder nach Herzenslust sein restliches Taschengeld in Souvenirs umsetzen konnte: Hüte, Hosen, Hemden, Schuhe, Trommel, Schmuck …

 

Sonntag, der 20. April:

Am Ostersonntagmorgen hatte sich ein deutscher Osterhase, oder vielleicht doch ein ugandischer „Osterschakl“, auf die Wiese im Red Chilli Hide Away verirrt und den abgesunkenen Blutzuckerspiegel mit Schokoladeneiern, -häschen und -käfern wieder etwas angehoben. Nach einem letzten gemütlichen Frühstück mit Früchten und „Ei mit Bunt“ hieß es „Mwelaba Red Chilli“, und nach einem letzten Stopp am Ufer des Victoriasees, den Flughafen

schon vor Augen, „Mwelaba Uganda“!

 

Montag, der 21. April:

Nach sechs Stunden Flug nach Dubai, mit Big-Band-Polonaise an Bord, fast elf Stunden Aufenthalt im Flughafen Dubai, mit Schlafen, Essen, Schafkopfen, Gaudi, fünf bis sechs Stunden Flug bis München und einer ruhigen Busfahrt bis Regensburg und Ramspau konnte ich glücklich alle jungen und alten Kinder gesund und mehr oder weniger munter in die Arme ihrer Familien übergeben; auf der Verlustliste: ein Smartphone. Aber wie sagt Beppo so treffend: „A bisserl a Schwund is' immer!“